Im Schuljahr 2024 verließen in Schleswig-Holstein 9,7 % der Abgängerinnen und Abgänger die Schule ohne Abschluss. Insgesamt leben im Land über 100.000 Menschen über 15 Jahren ohne Schulabschluss. Jugendliche können den ESA noch an der Berufsschule nachholen, für Erwachsene gibt es kein vergleichbares Angebot.
Die drei Abendgymnasien in Flensburg, Kiel und Lübeck führen nur zum (Fach-)Abitur. An der gesamten Westküste gibt es kein Abendgymnasium. Wer den ESA oder MSA erwerben will, ist auf Vorbereitungskurse der Volkshochschulen angewiesen. Dort wurden 2024/25 an elf Standorten nur 151 ESA und 174 MSA erreicht. Diese niedrigen Zahlen zeigen keinen fehlenden Bedarf, sondern hohe Zugangshürden.
Die Kursgebühren hängen stark vom Wohnort ab und reichen von kostenlosen Kursen bis mehrere 1000 €. Nicht jeder Standort bietet beide Abschlüsse oder Abendkurse an, und manche verlangen zusätzlich Eignungstests oder einen bestimmten Notendurchschnitt. Auch an den berufsbildenden Schulen und Regionalen Berufsbildungszentren sind Erwachsene beim Nachholen von Schulabschlüssen bislang benachteiligt. Der zentrale Bildungsgang zum Erwerb des ESA, die Ausbildungsvorbereitung Schleswig-Holstein (AV-SH), richtet sich an berufsschulpflichtige Jugendliche. Wer nicht mehr berufsschulpflichtig ist, kann laut § 2 der Berufsschulverordnung nur „im Rahmen verfügbarer Plätze in vorhandenen Klassen“ aufgenommen werden. Erwachsene haben damit keinen Anspruch auf einen Platz, kommen nur zum Zug, wenn nach der Versorgung der Schulpflichtigen Kapazitäten übrig bleiben, und lernen in Klassen, die auf Jugendliche zugeschnitten sind. Eigene Angebote für sie sind nicht vorgesehen. Wer keinen Platz erhält, ist allein auf die kostenpflichtigen Vorbereitungskurse der Volkshochschulen angewiesen.
Hinzu kommen strukturelle Probleme: Den Volkshochschulen fehlen qualifizierte Lehrkräfte. Die Kurse bereiten ausschließlich auf externe Prüfungen vor, vergeben keine Vornoten und stellen kein Halbjahreszeugnis aus. Das erhöht den Prüfungsdruck, führt häufig zu Abbrüchen und verhindert rechtzeitige Bewerbungen auf Ausbildungsplätze. Ein wohnortnahes, kostengünstiges und verlässliches Angebot im Zweiten Bildungsweg ist deshalb notwendig. Denkbar wäre beispielsweise eine ähnliche Struktur wie bei den Abendgymnasien, die an die bestehenden Angebote der berufsbildenden Schulen angegliedert, bzw. geöffnet werden könnte.